Wir dürfen nicht wegschauen

Gemeinsam mit dem Projektpartner „Projektgruppe Kind in Nied e.V.“ unterstützt Officium et Humanitas e.V. im Frankfurter Stadtteil Nied Familien, die sozial und ökonomisch benachteiligt sind.

OeH setzt sich vor allem für den Kinderschutz ein, indem die Eltern und dadurch die Kinder dieser Familien unterstützt und gestärkt werden.

Es geht um die Zukunft in Deutschland: um die Kinder.
Es geht um die Zukunft in Deutschland: um die Kinder.

Kinderschutz in Deutschland – ein Thema, dessen Dringlichkeit und Bedeutung uns leider  tagtäglich aufs Neue vor Augen geführt wird. Die Namen einzelner Kinder wie „Kevin“ sind inzwischen zu einem Symbol für eine Entwicklung in Deutschland geworden, die uns alle zutiefst berührt, und von der wir realisiert haben, dass sie nicht weit weg in einem brasilianischen Slum verläuft, sondern mitten unter uns. Wir können nicht wegschauen, wir dürfen nicht wegschauen.
Auch OeH leistet einen Beitrag dazu, dass die Zukunft unseres Landes, dass unsere Kinder besser geschützt werden, dass die Eltern und damit die Kinder gestärkt werden. Wir haben gemeinsam mit unserem Projektpartner „Projektgruppe Kind in Nied e.V.“ im Frankfurter Stadtteil Nied eine Initiative ins Leben gerufen, welche nach vorne schaut, dabei aber mehr als 30 Jahre umfangreiche Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien einbringen kann. 30 Jahre Arbeit nicht am Schreibtisch, sondern mittendrin, gemeinsam mit den Menschen, mit den Kindern, mit den Augen und Ohren am richtigen Ort und mit dem Herz am richtigen Fleck.
Die „Projektgruppe Kind in Nied e.V.“ arbeitet seit 1973 mit Kindern, Jugendlichen bzw. Familien, die sozial und ökonomisch benachteiligt sind. Der Verein hat die Trägerschaft für das Kinderhaus Nied mit integriertem Hort sowie die Jugendberatung für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Zahl der betreuten Kinder und Jugendlichen beträgt derzeit ca. 400. Geleitet wird diese Einrichtung mit weithin anerkanntem Vorbildcharakter von Diplom-Sozialpädagogin Dagmar Thiel.
Die Projektgruppe erlebt gerade in den letzten Jahren eine immer stärkere Verarmung von Familien, die häufig mit starker Vernachlässigung der Kinder einhergeht. Nicht selten kommt es zu Misshandlungen und Kindesmissbrauch. Die Eltern sind mit ihrem Leben überfordert, es fehlt an grundlegenden Kenntnissen und Fähigkeiten sowohl in der Haushaltsführung als auch im Umgang mit den Kindern. Manche Eltern fragen aus Schamgefühl nicht aktiv nach Unterstützung, auch deshalb, weil sie häufig selbst Opfer frühkindlicher Gewalt waren.
Andere Eltern tun Dinge, die wir nicht glauben wollen: So berichtete uns Frau Thiel von einer schwangeren Frau, die in ihrer großen Verzweiflung ihre beiden Söhne bat, solange von ihren Hochbetten auf Ihren Bauch zu springen, bis das Kind endlich weg sei. Mit schweren Verletzungen kam die Frau ins Krankenhaus, das Kind hat knapp überlebt. Und dieser Vorfall hat sich in einer deutschen Großstadt ereignet, nur ganz wenige Kilometer entfernt vom feinen Frankfurter Westend, mitten unter uns. In diesem Bewusstsein hat Frau Thiel uns sehr schnell überzeugt, dass wir nicht gedankenlos wegschauen können, dass wir ein großes Projekt hier vor Ort unterstützen müssen.
Das Projekt „Familienberatung und Kinderschutz in Nied“, weitet die Kinderbetreuung vor Ort aus, in dem ein deutlich stärkerer Fokus auf den Schutz von Kindern im Alter von 0-6 Jahren gelegt wird. Um aber diese Kinder nachhaltig stärken zu können, bedarf es starker Eltern. Aus diesem Grund ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den betroffenen Eltern essentiell. Und hier helfen ganz besonders die jahrzehntelange Arbeit sowie das große Beziehungsnetzwerk im Stadtteil. In einem zweiten Schritt geht es um die Stärkung der Eigenkompetenz der Eltern z.B. in den Bereichen Erziehung, Haushaltsführung, Ernährung oder Gesundheit. Und es geht um Prävention und um schnelle, unbürokratische Hilfe in konkreten Notlagen.
Hinter diesen Erfordernissen stehen die beiden übergeordneten Ziele des Projekts:

  • Deutliche Reduzierung von physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder der Zielgruppe
  • Stärkung der Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder durch ganzheitliche
  • Veränderung des familiären bzw. sozialen Umfelds der Kinder

Die konkreten Projektergebnisse in den ersten beiden Jahren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Im Rahmen der ersten  Monate hat das Projekt den Kontakt zu den in Frage kommenden Familien intensiviert.
  2. Das Netzwerk wurde deutlich erweitert (z.B. mit Ärzten, Polizei und Behörden).
  3. Ein Müttertreff wurde aufgebaut.
  4. Eine Schuldnerberatung (einmal wöchentlich) wurde etabliert.
  5. Auch bei der Arbeitssuche unterstützt die Projektgruppe sehr engagiert: so konnte 2008 45 Jugendlichen ein Ausbildungs- oder Arbeitsplatz vermittelt werden.
  6. Es gibt  Deutschkurse für Mütter bei gleichzeitiger Kinderbetreuung; sie finden in Kooperation mit der Lehrerkooperative zweimal wöchentlich vormittags statt. Zurzeit nehmen 12 Mütter teil – es existiert bereits eine Warteliste.
  7. Die Ausarbeitung des Schutzkonzepts bei Kindeswohlgefährdung ist abgeschlossen und die MitarbeiterInnen des Vereins arbeiten nun nach diesem Konzept.
  8. Die individuelle Intensivbetreuung konnte innerhalb eines Jahres von 8 auf 16 einzelne Familien verdoppelt worden.
  9. Alleine in 2008 wurden mit 291 Personen 4.007 Beratungen durchgeführt.

Für die langfristige Etablierung eines solchen Projekts ist es essentiell, kompetente Mitarbeiter zu haben. Eine solche sehr gut ausgebildete Persönlichkeit mit großer Erfahrung und einem enormen Vertrauensvorschuss im Frankfurter Stadtteil Nied ist Dagmar Thiel, die aber für eine Intensivbetreuung solcher Familien von einigen derzeitigen, überwiegend administrativen Aufgaben entlastet werden musste. Deswegen wurde ein neuer Mitarbeiter eingestellt, der sich stärker um Administration kümmert.
Da ein Arbeitsplatz in einem Land wie Deutschland kostenintensiv ist, musste alleine im ersten Jahr die stattliche Summe von 40.000 Euro bis auf weiteres komplett aus privaten Spendengeldern aufgebracht werden. Officium et Humanitas e.V. hat dabei eine eigenfinanzierte  Anschubfinanzierung in Höhe von 15.000 Euro geleistet. Die restlichen 25.000 Euro wurden von OeH über externer Geldgeber generiert; z.B. unterstützte unser Partner Deutsche Börse AG in Frankfurt das Projekt mit einer stolzen Summe.
Es bleibt aber die große Herausforderung, die langfristige Finanzierung des Projekts mit privaten und kommunalen Geldern sicherzustellen. Denn es geht um die Zukunft in Deutschland: um die Kinder – und wir dürfen nicht wegschauen.