Bildungsangebote für Straßenkinder

Im Jahre 2004 unterstützte Officium et Humanitas e.V. die Ausstattung eines Computerraums in Medellín, Kolumbien.

Hier ein Bericht vom Initiator von Patio13, Professor Dr. Hartwig Weber von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Der Umgang mit Computern eröffnet den Kindern neue Möglichkeiten und dient als individuelles Lernmittel.
Der Umgang mit Computern eröffnet den Kindern neue Möglichkeiten und dient als individuelles Lernmittel.

Im Frühjahr 2004 konnte im Patio Don Bosco, einem ehemaligen Schulgebäude und jetzigem Straßenkindertreff im Zentrum Medellíns (Kolumbien), ein Raum mit Computern ausgestattet werden. Die finanzielle Unterstützung dafür kam von Officium et Humanitas e.V., Vermittler war die internationale Bildungsinitiative „Patio13 – Schule für Straßenkinder“. Bereits im Jahr 2001 hatte OeH bei der Anschaffung einer Druckmaschine geholfen, die der Initiative „Paz y Cooperación“ zur Verfügung gestellt wurde. Deren Leiter, der aus Spanien stammende Pater Manuel Jiménez Tejerizo, der dem Wissenschaftlichen Beirat von Patio13 angehört, hatte in Bucaramanga im Zentrum Kolumbiens mit der Institution „Niños de papel“ eine nachhaltige Straßenkinderarbeit gestartet, die darauf abzielt, schulfernen und obdachlosen Kindern der Straße lesen und schreiben beizubringen, um ihnen die Integration in die Gesellschaft zu erleichtern. Computer für Straßenkids? Welchen Sinn sollte dies haben? Brauchen Straßenbewohner nicht etwas ganz Anderes, Konkreteres, Vordringliches, nämlich Essen, Unterkunft, medizinische Hilfe?

Patio13

Das Bildungsprojekt Patio13, gegründet von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der kolumbianischen Lehrerbildungsstätte Escuela Normal María Auxiliadora (ENSMA) im Jahr 2000, hat sich zum Ziel gesetzt, obdachlosen, schulfernen Kindern und Jugendlichen eine Grundbildung - insbesondere Lesen und Schreiben, Rechnen und naturwissenschaftliches Basiswissen - zu vermitteln, um sie in die Lage zu versetzen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dafür entwickelt Patio13 eine neue Methodik und Didaktik, die auf die besondere Situation von Straßenkindern, ihre Fähigkeiten, Interessen und Lernschwierigkeiten abgestimmt ist. Lehrer und Erzieher werden befähigt, mit Straßenkindern umzugehen, sie zu unterrichten und zu bilden, sowohl in Lateinamerika, Afrika, Asien wie auch in Deutschland.
Die Aktivitäten von Patio13 in Kolumbien in den zurückliegenden Jahren sind vielfältig: Aufbau einer Druckwerkstatt, Ausstellungen, Produktion von Büchern und Filmen, Durchführung von Forschungsvorhaben auf der Straße, Entwicklung einer Didaktik und Methodik der Straßenkinderpädagogik und Herstellung von Lernmaterialien, darüber hinaus die Organisation des internationalen Austauschs von Studenten und Dozenten zwischen Kolumbien und Deutschland.
Im Jahr 2006 wurde ein Kompetenzzentrum Patio13 Straßenkinderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, im März 2008 ein entsprechendes  „Centro de Competencia Patio13“ für Kolumbien an der Partnerinstitution Escuela Normal Superior eingerichtet. Ein Netzwerk mehrerer Universitäten und Straßenkinderinstitutionen des Landes wurde geknüpft. Im Wintersemester 2007/08 wurde der deutschlandweit einmalige Masterstudiengang „Pädagogik für Kinder und Jugendliche der Straße (Straßenkinderpädagogik)“ eingerichtet. Bei seiner Durchführung kooperieren mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg die Universität Heidelberg (Diakoniewissenschaftliches Institut), die Universität Freiburg (Arbeitsbereiche Caritaswissenschaft und Pädagogik) und die Pädagogische Hochschule Freiburg. Im Jahr 2008 wurde der Masterstudiengang als „Ausgewählter Ort“ im bundesweiten Innovationswettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Inzwischen studieren junge Menschen aus Lateinamerika, den USA, Afrika und europäischen Ländern „Straßenkinderpädagogik“ in Heidelberg und Freiburg.
Förderer der Bildungsinitiative Patio13 waren außer Officium et Humanitas e.V. die Heidelberger Druckmaschinen AG (seit 2001), die Klaus Tschira Stiftung gGmbH, die Landesstiftung Baden-Württemberg (Baden-Württemberg-Stipendien) und Don Bosco Jugend Dritte Welt e.V., der mit dem Kompetenzzentrum Patio13 auch inhaltlich und konzeptionell kooperiert.

Lernen mit Computer und Internet

Die Medien Computer und Internet eröffnen heute Möglichkeiten der Kommunikation und Information, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen sind. Der traditionelle Briefverkehr und die Rolle des Telefons sind inzwischen durch digitale Kommunikation teilweise abgelöst worden. Der Markt der Information und Dienstleistungen, der sich aufgetan hat, stellt auch für Minderheiten und Randgruppen eine unübersehbare Chance dar, die sie nutzen sollten. Auch ihnen ermöglicht das Internet, einen eigenen Raum zu eröffnen, Kommunikationswege zu bahnen, an der weltweit zugänglichen Information zu partizipieren und eigene Beiträge zu leisten. Kinder und Jugendliche der Straße, die sich in ihren Bedürfnissen, Hoffnungen und Wünschen von ihren „normalen“ Altersgenossen nicht wesentlich unterscheiden, werden in Zukunft immer mehr darauf angewiesen sein, dieses Medium praktisch handhaben zu können.
Die Intention von Patio13 ist darauf ausgerichtet, die Lebenschancen von obdachlosen Kindern und Jugendlichen durch Bildung nachhaltig zu verbessern. Der Umgang mit dem Computer eröffnet hierfür vielfältige methodische Möglichkeiten. Vom Computer geht eine starke Motivation auf Kinder und Jugendliche aus. Die sich öffnenden didaktischen und methodischen Wege sind, trotz mancherlei Gefahr, vielversprechend. Gerade die pädagogische Arbeit mit leistungsheterogenen und instabilen Kleingruppen kann mit Hilfe des Computers zielgruppengerecht voran gebracht werden. Charakteristisch für Straßenkinder sind die unterschiedlichen Niveaus ihrer Vorbildung, Ausdauer und Aufmerksamkeit. Ausgangspunkt des Lernens, Bildungsgrad und Lerngeschwindigkeit differieren in starkem Maße. Um mit diesen Kindern und Jugendlichen zielorientiert arbeiten zu können, bedarf es individualisierter Lernmethoden und Lernmittel. Der Computer stellt dafür ein passendes Kernmedium dar. Jedes Kind kann über seinen Lernprozess - dessen Beginn, Dauer und Geschwindigkeit - selbst entscheiden. So wird Lernen auf optimal zielgruppengerechte Weise angestoßen, gestaltet und zum Ziel geführt. Das Medium Computer ist dabei für alle Lerninhalte – zum Beispiel Muttersprache, Mathematik, Naturwissenschaftliches, Geisteswissenschaftliches – offen.
Seit seiner Eröffnung im Jahr 2004 wird der Computerraum im Patio Don Bosco in Medellín genutzt. An fast jedem Wochentag kommen Gruppen von Studentinnen der Escuela Normal Superior, zukünftige Lehrerinnen, dorthin und arbeiten mit den Straßenkindern. Inzwischen ist der Inhalt Straßenkinderpädagogik zu einem integrativen Studieninhalt an der Escuela Normal geworden. Zukünftige Lehrerinnen haben begriffen, dass das Thema Straßenkinder sie angeht. Sie werden die Schulen, in denen sie einmal unterrichten, verändern. Statt randständige Kinder aufgrund ihrer individuellen Lernschwierigkeiten auszuschließen, werden sie in ihren zukünftigen Tätigkeitsfeldern Methoden anwenden, die die Inklusionskräfte des Unterrichts stärken und vertiefen. Brücken bauen zwischen Schule und Straße, Lehrern und Straßenkindern, Universität und Straßenkinderprojekten ist die Leitidee von Patio13. Der Computerraum im Patio Don Bosco hat geholfen, diesem Ziel näher zu kommen.

Zukünftige Lehrerinnen haben begriffen, dass das Thema Straßenkinder sie angeht.
Zukünftige Lehrerinnen haben begriffen, dass das Thema Straßenkinder sie angeht.